[BRIEF IN UND AN DIE FREMDE]


Sagen wir, es gibt vielleicht Menschen,
die auf Briefe aus der Vergangenheit warten,
halten Sie das für wahrscheinlich, ist das etwas
woran man glauben könnte?

Antonio Tabucchi


Es ist -

Was gewesen: was war, was kommt, wäre, bleibt? Warum -

Das Es, das Ich heißt. Eine Unendlichkeit liegt dazwischen wie ein säbelzahnloses Reptil: Es hat dich wieder angeschaut. Heute nacht. Irgendwo liegt es begraben. In unbekannter Gegend räkelte sich dein Rücken, und dein hellbraun lächelndes Gesicht schob sich heran aus Nähe und Ferne -: Da gähnte ein Abgrund, in halber Höhe wallte etwas, traumverklebt, Nebel. Und doch war es deine Stimme, die sich darein versenkte, die herausklang, hallte. Hattest du etwas zu sagen, gab es etwas von dir zu hören: das Rufen, die Stimme, das Echolot, leuchtete - sehr fremd - die Tiefe aus, machte sie deutlich in Ton und Gegenwart, definierte sie: Sie berief den Abgrund, die Entfernung. Welcher Abgrund, welche Entfernung? Jemand konnte dich sehen, berühren, mit dir reden, schweigen - es war ungewohnte Verbundenheit: Eine letztlich ganz altmodische Empfindung. Es entstand darin, darum, darüber das Schreien der Sonne, das Wüten der Natur, wobei du zudecktest, das Vergrabene nicht losließest mit deinem Lachen, das rief: Sinke, sinke, wollenes Licht, reiß dich am Horizont blutig, so zart, dass wir tief atmen, seufzen, stöhnen, abends - am Tage dagegen -:

Dieser Tag liegt nun vor, der Nacht entwacht. Als wäre sie medusengleich geköpft sinkt, sie blutig zu Boden, in den nebelverhangenen Abgrund: Ein Blick zurück über den Steilhang, hinunter, und kein Ufer ist zu sehen, kein anderes Ende als dieses, auf dem jemand steht. Mit dieser Nacht hat er dich also verlassen, zu Ende geträumt. Nachdem du vor Jahren einen Kuss hinterlassen hast zum Gedenken -: Es war mehr als Erinnerung, als Wiedererkennen, das es nicht geben wird, selbst dann nicht, wenn man sich tagsüber freundlich begegnet. Wenn das begrabene Ich einen Lichtstrahl auffängt. Dann kann gedacht sein: Nicht doch so kreischen unter der Sonne - Meinen Sie nicht auch, dass die Sonne alles ausbrennen müsste: Sie gibt sich immerhin die größte Mühe; doch wir haben noch zuviel Athmosphäre, das glühende Rot ist nur Verfärbung, unser Stöhnen noch zu feucht.

Es war nie zu erwarten, zu vermuten, zu tun gewesen, such dir eines aus, diesen Brief zu schreiben: Die Schrift war immer als Ausstoß, der Stift immer als Abflussrohr empfunden. Das Schreiben war immer nur ein Niederschreiben und schließlich Töten: Doch ob gegen oder für dich geschrieben wird - in erster Linie rast die Schrift, jagt der Stift gegen das Ich an. Es weiß nicht, wie es dir geht, was du denkst und schaffst, wahrscheinlich will es dies auch gar nicht wissen:

Es schreibt dir, um dich zu verlassen. Nein, das ist nicht richtig:

Es schreibt, um dich zu fassen, dich festzunageln, dich unbewegt, ins Schweigen also zu werfen. Sieh: Im Abgrund wallt es, dampft es, brodelt es, der Nebel wühlt auf, erregt zersetzend - trockene Schrift, um ihn aufzulösen und den Abgrund unmöglich zu machen. Es erschreibt dir Körperverbot, Geistverbot, Traumentzug.

Nicht der Traum, nicht die Nacht soll erzählt sein, sie ist nicht wirklich wichtig, nur ein Anlass für das Aufbrechen, das Dammreißen der Erinnerung. Das Gesehene lässt sich in jedem Buch, in dem eine Liebe erzählt wird, also in allen Büchern, nachlesen - es ist nichts Originales, kein Ersterlebnis, sondern etwas Zusammengefundenes aus der Weltliteratur: Ein Zitatenpool mit deinem Gesicht. Lies an anderer Stelle nach. Statt dessen der Versuch, die Unmöglichkeit der Erinnerung und ihr unbarmherziges Aufdrängen, ihr unaufhaltsames Heranrollen, dir begreiflich zu machen, die Erinnerung schriftlich versuchen aufzuhalten. Es kann nicht gelingen, aber vor dem Enthusiasmus des Versuchens, besser: vor der Notwendigkeit des Versuches gibt es kein Entkommen.

Es ist ein durchlöchertes Fühlen, letztlich leer, voll innerem Abgrund, gehöhlt, ein Dasein aus eiserner Hülle, die tagsüber glänzen soll, nachts in Scherben bricht - so mag es das Tragische suchen, das Glück finden, um dieses verlassen zu können. Was könnte jemanden so entgleiten lassen: Man nimmt an, zufrieden zu sein, wenigstens ein wenig, ausreichend. Vor Jahren, nach deinen Lippen, war erwartet worden, einzig mit solcher Gunst zugrunde gehen zu können. Jetzt jedoch, in das Gesicht des Verlustes geblickt, kann man glauben, nur in der Unvollkommenheit glücklich sein zu können: Statt dessen also Trauer, Höhe und Verlust. Und auch das ist schon altmodisch: Es scheint, als läge das alles bereits zurück, weit hinten, als sei dieser Weg schon längst gegangen. Der neblige Abgrund da unten: wie eine glasverhangene Photographie. Ein einziges Geräusch steht zur Verfügung, damit sich im Abgrund, hinter dem Glasvorhang, etwas Leben finden lässt: ein Uhrenpicken, ein Brunnenkleckern. Das einzig wahre Geräusch: ein unterirdisches Tropfen, das von oben durch ein vergittertes Guckloch Einblick in seinen Hall gewährt. Dies die Gewissheit an dir; so fällt der Blick traumtropfenweise in den Abgrund, auf dich, auf dich zurück. Was gesehen wurde in der Nacht, dein Gesicht - es war eine einzige Erinnerung an Zukünftiges, an ein Kommendes, das aber bereits in Erwartung der Zukunft, in der Gegenwart vergangen ist. Verstehst du: Es war zu sehen, was nie erlebt werden wird, woran aber immer erinnert sein muss. Dies der ungeheure Abgrund, in dem sich alles abspielt, an dessen Rand das Es, das Ich heißt, kniend wartet und beobachtet, vielmehr zusieht und vergeht. Ein solcher Zustand ist Zusammenfall, ungeheurer Rückzug, ein in die Ecke des Herzens oder Hirns verkrochenes Dasein. Ein Dasein nur aus Knien, aus Gelenken, die nicht mehr beweglich, sondern zusammengefaltet, verklebt sind: Ich habe mich solcherart verschachtelt, denkt es, schreibt es, an deinem Gesicht, das im Traum wuchs, über deinem reptilienhaften Rücken, der sich räkelte, frierend vielleicht.

Und nur hier, schreibend, als Schrift, regen sich die Glieder, setzt sich die Nacht und alles ihr Vorausgegangene zusammen - um nachher gänzlich verschwunden zu sein? Was ist, was wäre, was bleibt -

Die Niedertracht der Erinnerung ist das Glück des Widerstandes: Welch ein Zerriss oder Abgrund. Es soll dir also keine Erinnerung erzählt werden, sondern deren Geruch und Atem. Erinnerungen sind Kadaver, in der Verwesung des Geistes begriffen: es ist die Verfassung eines Unverstandes, seines Nebelzustandes. Dafür stehen keine Geschichten zur Verfügung, nichts, was erzählt sein könnte, nur nackte, verwesende, erinnerte, zitierte Begriffe. Geschichten sind unmöglich gemacht, was zu sehen ist, ist das Luftzittern, das gestaltlose Flimmern über den Erzählungen: also ihr philosophischer (?) Atem, Dunst. Geschichten, Erzählungen, Träume sind der Wüstensand, der heranweht, heiß, tot, ein körniges Grab, Asche etc., reptilhaft, ungeheuer, das ist traumwandelnd zu sehen und mit ihnen die in gierige Athmosphäre ausgeworfenen Fata Morganen: Diese Trugbilder sind alles, was zu erfassen, zu erleben, gefühlsmäßig zu erlangen, aber nicht zu verstehen sind. Verstehen gelingt nur in erneuter Zersetzung, anhand der Verwesung dieser Gefühle, also in der Erinnerung an sie - und diese Zersetzung schreibt sich hier hin. Es ist Gefühlsverhütung unter Berufung auf das Gefühl, in unbedingter Abhängigkeit davon: es nie loswerden können; immer aber es zu erziehen suchen. Versuchen, sich zu narkotisieren. Seelennarkose, Gefühlsstillstand, Emotionsschweigen, Erinnerungsverbot - alles ist möglich. Statt dessen? Aufschreiben. Und es reißt das zu Verhütende wieder auf, dass es in der Schrift sichtbar wird, bleibt. Das unterirdische Tropfen, das an die Oberfläche drängt.

Ist das irgendwie verständlich?

- Nein, es soll nicht mehr vom Verlassen gesprochen werden.

Es gebären sich Mädchen zu Frauen; man denkt: ein gewisser Erfolg. Und wünscht dann: Gesundheit - und weiß, nichts dergleichen zu wollen, an den Müttern verloren zu haben, verloren an den Vätern, da nichts vorantreibt außer: Rückzug. Man wünscht Erfolg, auch in sogenannten Herzensdingen, und mag ihn nie erreichen. Es hatte von jeher die Vorstellung gegeben, mehr zu sein als nur lebendig: irgendwann nützlich, erkennbar, sinnvoll, auch bekannt zu sein, sein zu können, werden, wollen, dürfen, müssen - all diese furchtbaren Verben, dieses wildgewordene Öl im Feuer der Sprache, die den Geist bildet und bezeichnet, was für Zeug man von sich gibt. - Wer denn aber wollte das nicht: einen gewissen Erfolg, ein Etwas an Glück und Gunst zu besitzen, zu erreichen? Abwarten, vergehen, einen Blick (zu dir) vor Jahren, heute Nacht - nein, dazwischen liegt eine Unendlichkeit: es bleibt Rückzug, Entwöhnung, die Kluft bleibt ungelöst, die Widersprüche unbeantwortet, der Abgrund unüberbrückt. Am liebsten schweigend ein anderes Leben zeichnen, eines, mit dem man sich gänzlich unterschieden abbildet, rissidentisch: schweigend sich ausmalen, um nicht der Erinnerung an Sprache zu unterliegen.

Hier liegt Farbe und Verfärbung, in diesem Abgrund. Das Tropfen darin, unter dem Gitterdeckel: Es spricht das Schweigen aus, um es zu sehen, um es zu hören.

Am liebsten ein Dasein wie ein Banksafe, der seinen eigenen Schlüssel verschluckt: geistige Isolation - statt dessen regt sich der Nebel, der Abgrund, der Traum. Erinnerung an nie Erlebtes, nie Erfahrenes: wünscht jemand den Kuss zurück? Nein, aber vielleicht wünscht jemand, diesen besser nur geträumt zu haben? Möglich -: keinesfalls will und wird er zu dir gelangen, du bist umso entfernter - statt dessen also Trauer, Höhe und Verlust, das Motiv der Suche.

Das Es, der Vergrabene: dein Gesicht im Abgrund, dein Rücken ist Nebel, davor steht jemand am Tage und erwartet das Brennen der Sonne. Nebelauflösung. Allerdings: solange er es erwartet, solange soll der Nebel noch nicht verdampft sein: er schreibt dagegen an, womöglich, mag ihn dir, die nicht hört, erzählen, ihn in dich hineinsetzen, vergraben, sich schreibend in dich verkriechen. Nachdem so lange nichts an dich geschrieben wurde, auch wenn es nie abgeschickt worden wäre. (So ist man zufrieden, dass die Briefe nicht gelesen sein müssen, die früher geschrieben worden wären.)

Und jetzt müsste trotz allem Abscheu die Geschichte folgen, der Takt der Worte, ihr Tropfen, gibt dies vor; jetzt bräuchte es die Erzählung, eine, die das bisher Geäußerte erklärt, nahelegt -

Findest du nicht auch, dass jedes Denken, Fühlen, verzweifeln muss?

Aber dennoch: versuchen, im Fundus der Begriffe und Gedanken eine Geschichte aufzutreiben. Irgendwo hat sich etwas versteckt, das wie eine kleine Parabel funktionieren könnte -

Eine Müdigkeit in den Erzählungen, Romanen, Theaterstücken. Natürlich, jeden Tag begleitet uns eine Geschichte, erleben wir einen Roman: Man sieht sich in den Tag hinausgeworfen und erlebt; man muss gar nicht denken, denken hält nur auf. Die Tage und ihre Menschen, ihre Gestalten wie kopflose Schatten; man denkt: Ich bin ein Schädelmensch, absolut kontraproduktiv. Jeder Tag ist ein Roman, jeder Abend eine absurde Kurzgeschichte, sekundenweise tropfen dumme Gedichte aus dem Gemüt - es ist nichts weniger als widerwärtig. Man besteht aus viel zu viel Sprache, wie Demütigung, Schädelbeugung; in einem gesunden Maß an Schweigsamkeit kann man aufrecht existieren, Sprache versucht, die Dinge zu zerbrechen. Das Schweigen muss sie wieder notdürftig zusammenflicken, es ist widerwärtig.

Aber dennoch, oder deswegen.

Knochen abnagen rückwärts. Das Lesen dieses Briefes war wie einen Knochen abnagen rückwärts, das Fleisch wieder anlegen. Ein darin genannter Name war das Skelett und langsam sammelten sich einige Hautfetzen im Lesen zusammen, fügten sich aneinander, dass ein Körper erkennbar wurde: Eine tote, vergessene, jetzt erinnerte Gestalt. Die Haut, aus Briefpapier geschnitten, erzählte eine Geschichte von Liebe, Freundschaft, Verlust, gewolltem Leben, Tod.

Die Enkelin schnappte den Namen, das Figurenskelett, auf und rannte übermütig damit in der Wohnung umher, als wäre es ihr erster Ohrring, ein Talisman, ein glänzendes Spielzeug. Sie versteckte den Namen unter dem Kopfkissen als Teddybären. Ein Duplikat des Namens nahm sie mit zurück und warf es ballgleich gegen die Möbel, die ihn politurgestärkt an sich abprallen ließen, sie hatten keine Verwendung dafür. Die Enkelin rannte herum und suchte einen passenden Gegenstand, einen zweiten Träger des hoheitsvoll klingenden Namens, als sei es der eines zu suchenden Prinzen. Sie trat auf den Balkon hinaus, guckte zehenspitzig übers Geländer und wurde furchtsam, still, flüsterte ihn nur noch, als würde sie ihn langsam hinabtropfen lassen. Aber kein Aufprall, die Wiese da unten war ein tiefer Graben, der duch den Namen nicht gefüllt werden konnte, so oft sie ihn auch leise hinunterspuckte.

Währenddessen lag der Körper tot im Briefpapier, namenlos, eine unbeschriftete Photographie oder Puppe. Aus dem lesenden Auge quälte sich ein Tropfen voller Erinnerung. Darin begann die Gestalt zu leben, zaghaft aber deutlich. Geöffnete Augen, verzogene Mundwinkel, eine Hand, die einer anderen einen Ring ansteckt. Aber wie hinter Glas, ohne Ton. Kein Klang in der Träne, nur ein trockenes Plumpsen aufs beinah dankbare Papier, das sich im Vertrocknen der Erinnerung wellte, Papyruslebendigkeit. Dann setzte sich ein zweiter, schon an der Quelle erkalteter Tropfen drauf und der Brief rollte sich schnell, mimosenhaft zusammen, begrub die Gestalt und gab sie nicht mehr frei. An dieser Stelle war die Geschichte zu ende, es gab kein weiteres Voran.

Jemand war uneins, was er damit beginnen sollte. Ging in die Küche, um einen Glasrahmen und eine Mülltüte aufzutreiben, zwischen beiden Möglichkeiten wollte man sich später einmal entscheiden. In diesem Moment kam die Enkelin ins Zimmer zurück, schnappte nach der Papierrolle, blies hindurch, hielt sie vor ein Auge und begab sich auf die Suche nach ihrem Teddybären, dem geheimen Prinzen. Als sie diesen nach gespielten Irrwegen gefunden hatte, sprach und rief sie ihn mehrfach durch den Brief wie durch ein Megaphon an, aber er blieb stumm und verdarb somit alles. Der vom Geschrei Unterbrochene fand den zerknüllten Brief in einer Ecke, stopfte ihn wie er war unter das Glas und suchte eine Stelle in der Wohnung zum Aufhängen. Fand eine direkt über dem Esstisch, prüfte das neue Bild ein paar Augenblicke, warf es dann in die Tüte und schleuderte alles über das Balkongeländer. Die Enkelin hörte den gedämpften Aufprall und schlief ein, redete wirr und fast durchgängig. Jemand legte sich neben sie, nahm ihr den Teddy weg und biss in das schmutzige Fell. -

Nein, das ist eine ungenügende Geschichte. Siehst du, wie sie unter dem Stift verdirbt?

Es bliebe von Blut zu erzählen, frag nicht, einige wenige Tropfen, die unter dem Auge eingetrocknet sind, oder die im Schlaf, vergraben unter der warmen, heißen Daunendecke, über das stumme, starre, riesige Gesicht des Teddys rollen, über seinen Körper, in ihn einsickern, dass er bald vollgesogen ist wie ein Hirnschwamm. Jemand müsste ihn waschen, auswringen über einer Schüssel vielleicht, und diese wenigen Tropfen würden nicht weniger, tropften mit jedem Ausdrücken, Auswringen, Ausquetschen immer neu, des Bären Leib ist unerschöpflich. Die Schüssel liefe über, die Tropfen kleckerten, setzten sich überall fest, wie Flechten, krochen dem Waschenden die Hände, die Arme hinauf, führten einen Namen mit sich und würden - jetzt erst - unter dem Auge vertrocknen, verkrusten.

Auch dies könnte ein Traum sein, vielleicht ist es sogar der Traum dieser Nacht, vielleicht ist dieser Brief sogar der selbe, den die Enkelin in ihren Händen hält. Eine Enkelin, die plötzlich auftaucht, wie der Brief, wie der Traum, mit deinem Gesicht, oder einem völlig anderen, wer weiß das schon, und nach dem Brief schnappt, nach dem Traum, nach dem Namen, der den Brief ausmacht; ein Du, dass zurückbleibt in kalter Schrift. - Würde diese Enkelin aufwachen können? Wo verblieben der verblutende Bär und das Auge? Bliebe überhaupt etwas übrig?

Fragen, die nichts erfahren werden -

Was wäre auch zu erfahren, zu lesen, zu erkennen: die ganze Zeit schon, so sehr man sich dagegen auch sträubt, sitzt man an den Worten herum und versucht zu erzählen. Und sei es auch nur, um sagen zu können, dass man nicht erzählen kann oder will: dennoch gibt es etwas zu sagen. Jemand sagt plötzlich: Ich muss erzählen, es wird dann alles leichter. Wahrscheinlich deshalb stehen all diese Zeilen, der ganze Berg an undurchdringlicher Sprache auf diesen Blättern, weil es möglich ist, sich einzubilden, etwas erleichtert zu haben. Eine graphische Entlastung, subtile Verdrängung. Was ist schon leicht, was schwer? Dumme Fragen. Gesagt ist nichts, erzählt ist nichts, so sehr es auch gewollt sein mag. Bis hierhin ist alles verschwiegen worden. Ausgeblendet, verneint, verunklart, weil nichts dem Wort wert erscheint. (Das Leben ist die Sprache nicht wert. Was sollte man mit Gedanken, Träumen ... anfangen?)

Was zu sagen ist, bleibt unklar. Noch einmal hineinblicken in den Abgrund, der seltsamerweise immer unklarer erscheint, noch einmal hineinhören in deine verhallende Stimme, weiterhin Worte aufmalen für dein entferntes Auge. Die einzige Berührung, die noch möglich ist, die gewünscht ist. Und du, der Abgrund, der Nebel, die Stimme - das alles liegt in einem Ich, das nichts versteht. Du hast gar kein Gesicht, es wäre unmöglich, es nachzuformen, es zu modellieren mit dem Stift; es gibt gar keinen Abgrund, der zu sehen wäre, ist, ebenso keinen Nebel, das alles ist nirgends vorhanden, nur Konstruktion; ganz zu schweigen von deiner Stimme, die so deutlich wie eine Erinnerung ist: als würde man eine Welle vor Galapagos auf Borneo messen wollen. Es ist gar nichts. Unklar. Tot? Wer weiß, letztlich ist das nur ein Begriff für irgendetwas, das ebenso unklar wie vielspekuliert ist. Nein, es ist trotz allem nicht tot, vielleicht sollte es das sein, aber auch das ist Spekulation, unklar, sogar unwichtig.

Erzählen? Was erzählen - es bleibt unklare Konstruktion. Worte, nur Worte, aneinandergesetzte Steinchen für ein graues Mosaik, auch dieses bloß Spekulation. Unklar wie eine unbekannte Sprache, weit entfernt, fremd. In diese Fremde schreibt sich der Stift, aus dieser Fremde leitet er sich her, erinnernd; diese Fremde, was für ein Wort, trägt das Zeichen ,Du' - und weiß nichts darüberhinaus zu benennen. Eingegrabenes Wort, sprachlos wie ein geschlossenes Auge. Womöglich leer, womöglich aber tropft unter dem Lid ein Brunnen, womöglich ist doch etwas zu hören, ganz sicher nicht in dieser Sprache. Die Worte sind leer, unlesbar, sprachlos, geronnen, wie ein programmloser Bildschirm, verstörte Erinnerung: das ist der Nebel.

Aber auch das sagt wenig. Ist irgendetwas hieran verständlich, bleibt noch ein Gefühl, was für ein Wort, mit dem etwas anzufangen wäre? Vielleicht ist das der Abgrund: die unklare Erinnerung, in der sich vermeintlich etwas regt, reptilhaft, und das verständnislose Gefühl, schon wieder, von ,Damals' und von ,Heute' bezeichnen die Ufer. Auf einem davon steht das Wort ,Ich' und spuckt das Wort ,Du' hinunter oder schreibt eine Fülle von Worten, um irgendwann anzukommen auf der anderen Seite, um den Graben zu füllen. Oder vielleicht nicht einmal das. Sollte die Enkelin nicht besser vom Balkon herunterspringen, um die Fremde zu erreichen, den Namen einzuholen -:

Aus den Worten gelingt keine Erzählung, nicht einmal ein Brief, dennoch stehen sie unentwegt auf dem Papier, wiederholen sich, bleiben unterm Auge kleben, vertrocknet. Der Nebel, das Reptil, das ist der Teddy, in den jemand beißt oder gebissen hat. Und während die Enkelin unentwegt redet, klingt es, als sei es des Bären Stimme, tropfend, unklar, dennoch nicht zu verschweigen, und dieser ist nichts entgegenzuhalten. Nicht einmal ein Erwachen.

Es grüßt dich (?) - jemand.




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© sascha preiß 2003