[SOLITÜDE]


Scheuer Genuss unter gierigem Leuchten, ein halbes Dutzend Kerzen, darüber schirmlos taumelnde Birne; langsam lutscht er sein Glas aus, schweigt müde auf die blutig glitzernde Straße, die unter Menschen funkelt, flackert, das Fenster des Gastraums deckt die auswärtigen Geräusche zu, ein tonloser Bildschirm, beidseitiges Programm. Er wünscht sich als Testbildansager, als Frequenzunterbrecher, als Schwarzlichtgerät: Sein tiefsitzendes, rhythmisch aufwogendes Ruhebedürfnis; abschalten, versinken. Er denkt an eine Frau, die nicht mehr wartet, sucht auf der Straße ihr Bild, ein ihr ähnliches, stellt sich das Gesicht vor, rückt es sich küssbar zurecht, murmelt Liebkosungen auf ihre Lippen; die Zunge seines bierklebrigen Mundes wie ein angekostet eingewickeltes Bonbon. Unzufrieden schmiert er die Gedanken weg.

Du bist so schweigsam: Sonst quillst du doch über vor Geschichten, hört er seine gestrigen Freunde zu ihm sagen. Nun ja, hatte er geantwortet, mehr würde er auch heute nicht antworten, darüber lächelt er ruckartig. Ich höre zu, das ist vielleicht mehr als reden, stellt er sich seine Freunde vor.

Schweigen ist ehrlicher als... Als?... als überhaupt alles, denkt er. Das endlose Reden ist ekelhaft; aber gut, soll es, meinetwegen. Ich lasse nichts mehr hinaus, schütte mich mit allerhand Dingen zu, an denen ich sicherlich bald ersaufe. Mein Schädel ist ein Kessel voller Worte, eine widerliche Suppe rührt er an, Giftbrühe.

Die Städte sieden wie wein- und rauchverhangene Köpfe dahin, unfähig sich zu bewegen, glauben, jeder Bewohner sei ein Gedanke, dabei ist das Bewusstsein der Stadt das Telefonbuch, hört er vom Nachbartisch. Man sollte sich jeden Augenblick so vorstellen, als wollte man einen Roman darüber schreiben, sagt eine Frau dazu. Die Qualität liegt im Erzählen des Lebens, nicht in der Erfahrung, das ist ein trügerischer Schluss, sagt er sich.

Er erhebt sich, steht vor der Scheibe, auf der Straße, ein Schritt ins Telefonbuch, wählt unsicher, dann vergreift er sich an einer, die Schlieren auf dem Pflaster hinterlässt, nachfolgend über seine Wange zieht, ihm rot über die Augen fährt. Es könnte schon wärmer werden, es zuckt und pulsiert, er saugt sich in ihr fest. Sie trägt ihn unterm Arm, das geht ganz einfach. Hat nachher ihr Gehäuse abgelegt und ist ganz kühl, bierfarben, eigelbe Schlieren, ihre Fühler gleiten an ihm entlang. Musik, sagt er plötzlich, Musik, und ihr Atem beginnt zu klingen, ihre Haut trägt bauchseitig Klarinettenklappen, auf dem Rücken Cellosaiten. Seine Augen wie Abtastnadeln in den Spurrinnen ihrer Brust aus Vinyl. Irgendwer singt dreifarbig. Ihre Augen sind geschlossen, dahinter verschwimmt manches, seine Netzhaut aus Glas, an dem es abwärts fließt. Die Töne ein feuchtes Fresko, das sich langsam um sie beide auf frischen Putz aufträgt und sie umschließt, oder auch auf teure Leinwand, seidenes Laken, die Melodien, grob, ohne legato, stakkato, forte, Alt und Bariton, verwaschen ein klein wenig, mit jedem Schluck aus ihrem Mund ein klein wenig mehr. Fuge oder Kanon, Quodlibet oder Rhapsodie, die Farben kreisen wie punktierte Achtel, die LP ihrer Brüste nimmt kein Ende, ihr Kopf ein ungeheurer Pinsel, welche Farbe darf er ihr auftragen, daß sie ihn mit Spuren, Strichen, Formen, Figuren übersät. Ihr Atem tätowiert seinen Bauch, an ihrem Rücken spielt er sich blutig, er nimmt noch einen weiteren Schluck ihrer Partitur, die er nicht lesen kann, aber sie singt sie umso lauter, schreit: Ich wollte, könnte für dich, für jedermann ein Scheunentor sein, die Ställe stehen leer, ganz ohne Futter – Sei still, halts Maul verflucht, nichts sagen, schreit er in ihr dunkles Solo, dumpf vergeblich – sie lacht unrhythmisch: Und du verkriechst dich wie eine Maus in meinem armseligen Loch. Verspotte den Leib, ich muss ausgelacht sein. Für manch einen ist das Loch das ganze Dasein, das Haus, der Leib, ist egal, so lange es hinter dem Eingang, in der feuchten Dunkelheit zu vergessen, zu verwerfen ist. Für dich bin ich schon zusammengeschrumpft auf die Größe des Locheingangs. Ein farbloser Genuss, mehr als der Tod, keinen Körper zu haben, sondern dessen Zerstörung. Deine Gewalt, meine Wunde, das Loch, dein Lachen. Und könnte fruchtbar sein, weich und tickend, wohnlich, bin aber nicht. Bin köstlich ausgelacht und genieße es, verklinge, verfärbe mich an dir.

Dann schloss er die Augen, sie ihr Gehäuse.
Er: Du pfeifst darauf wie auf einer Schalmei des Wahnsinns.
Sie: Also habe ich mich in dein Hirn gespielt – unzufrieden?
Er steht auf: Du vergisst mich doch nicht?
Sie: Haben wir noch einen anderen Weg, irgendeine Wahl, uns zu begegnen?
Er: Wenn wir uns entfernen, dann musst du dich an mich erinnern.
Sie: Sag bitte nicht, dass du dich einsam fühlst.
Er: Das tun wir doch alle.
Sie: Wenn wir uns vergessen, gibt es keine Sehnsucht.
Er: Jeder hat seine Wunde und seine Unmöglichkeit.
Sie: Mich interessiert der Mensch nicht.
Er: Arme Seligkeit, wie du leuchtest und deine Lippen rot sind.
Sie küsst ihn: Wir wollen nicht an uns denken, sieh mich an und es ist alles.
Er: Schade, dass die Liebe eine Hure ist.
Sie: Du redest zu viel.
Damit verschwindet das Tableau.

Ein trockener Bierdeckel und ein Stift in der Hand: Verlass mich nicht, verlass mich auf gar nichts, vor allem nicht darauf, hinter Menschen mehr zu entdecken, als sie augenblicklich sind. Selbst, wenn man nur zu sein scheint, dann ist hinter dem Schein nichts zu erfahren; niemand muss irgendwen entschlüsseln. Wie komme ich darauf – Spielt schon gar keine Rolle mehr, voran denken, die Grenze des Seins ist das Vergessen, schöner Satz, dahinter gibt es nichts mehr. Und scheine ich auch ein kryptisches Puzzle zu sein, so hat auch das nichts zu bedeuten. Wer wollte die Hieroglyphen zu deuten wagen?

Auf seiner Handfläche verbrennt sie ihn, ein kleines Loch, kreisrund, leicht schwärzlich an den Rändern, staubig, Asche. Er drückt die Zigarette aus, reibt seine Hand ab, schaut sich im Lokal um, die Gespräche sind gegangen, waren nie da, sieht auf die Straße, das Testbild wackelt nicht mehr, zahlt.






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© sascha preiß 2000