[WILLING-EPILOG]


[EINE UNVOLLENDUNG]


dass das Ungeheure ... und
grenzenlos die Naturmacht und des Menschen Innerstes
im Zorn Eins wird, dadurch sich begreift

Hölderlin


Dann Wasser. Nicht viel, nicht aufregend, unscharf gerahmt. Da liegen, am Rand, rückwärts gefallen, keine Bewegung, nicht abgetrieben, nicht gestrandet. Gesicht, Arme, Bauch, Füße, wasserdurchtrennt, alles halb: unterhalb, oberhalb, auf Steinkrumen, Sand, Schlamm. Insgesamt aufweichen. Manchmal Wellenartiges, dann kein Atem, schlucken, husten. Aber so soll es sein, Sand am Rücken, nach unten wirds kühler.

Dachte, dass noch zuviel am Leib. Schuhe, Strümpfe, Hose, Hemd - dachte, dass es leichter würde, ohne. Aber was: was denn leichter. Ob nun Körper in genähten Häuten oder ohne, ob Krankheiten zu befürchten seien, würde insgesamt keinen Einfluss haben - worauf. Aber etwas würde etwas leichter. Zum Beispiel, über den Sand zu rollen.

Rollte über den Sand. Rollte am Wasser entlang, rollte hinein und wieder heraus, rollte erneut hinein. Hoffte, so lange wie möglich unter Wasser zu bleiben, da unten, ins Kühle. Grub Hände in den Boden, blieb doch nicht lange genug unten. Tauchte auf, wiederholte, mehrfach. Keine Besserung. Enormer Auftrieb, viel zu viel Körper, viel zu viel Verdrängung. Verschluckte sich, trank Wasser und Sand, spuckte aus. Schmeckte abgestanden, Lauge, uralt und ranzig, flüssige Asche. Unterdrückte Brechreiz, hustete Sandkrümel. Zwischen Zähnen klemmten sie, an Unterlippe und Zahnfleisch, Zunge pulte, spuckte aus. Korn für Korn.

Als wäre ein großer Fetzen aus der Haut des Sees gerissen. Als sei da ein faltiger, schlammbedeckter Körper, der sich von den Ablagerungen der Stadt nährt. Der hat noch viel Platz und einen großen Magen, mindestens für Schuhe, Strümpfe, Hose, Hemd. Bestimmt. Das sind feine Ablagerungen, die kleben am Körper. Alles grau geworden. Was am Körper klebte, war vollgesoffen und träg. Nein, so nicht. - - -

Hinlegen, auf Steinkrumen, Sand, Schlamm, halb und halb, am Rand.

Da liegen, wie lange schon. Im Wasser ist wenig zu hören. Aber etwas könnte leichter geworden sein, kühler. Es schwappt. Da ist wer gekommen, dann stehengeblieben.

Vergiss es, vergiss es, vergiss alles, lass alles verschwinden, wir sehen uns nicht wieder. Die anderen, der Andere, sie suchen nach dir, sehr ungenau, oberflächlich, wo du doch ertrinken willst, oder. Sie werden dich nicht finden. Aber immerhin, Willing, sie suchen. Naja, vielleicht ist es richtiger zu sagen, sie tun so als ob. Wie sie schon immer so als ob getan haben. Aber das weißt du ja. Ich glaube nicht, dass noch jemand hierher kommen wird. Dass noch jemand hierher zurückkommt. Wenn dann alle weg sind. Es wurde insgesamt viel zu wenig gelacht. Jetzt - aber wozu. Nicht wahr, wozu das. Kommst du, lass ich dich hier liegen, was ist. Was soll denn werden. Dir wird es schon gutgehen. Machs gut.

Und ging. Rasch schoben sich die Schuhe an Land zurück. Brehmer war vorüber. Fand, dass das vollkommen richtig war. Brehmer war gleichgültig. Da liegen. Rollte noch ein paar mal. Eigentlich ein Kugeln, ein Gurgeln, drehte auf den Bauch. Gesicht drückte den Grund. Öffnete die Augen, den Mund, atmete aus. Ein Gurgeln, blies eine Delle hinein. Da wirbelte es auf, gurgelten die Körnchen herum, in die Augen, nicht viel. Flüssiger Staub. Blies einen Weg hinein, über den ließ sich rollen. Hintendran staubte etwas. Das Staubwirbeln des Helden am Ende jedes Films. Die langen Schals, die er hinter sich herzog. Wenn er dann tot umfällt, die Staubschleier. Man muss sie doch nackt sehen können, mit diesem Sand in den Augen. Das Bildschirmgerinnsel. Drehte sich wieder auf den Rücken, da liegen. Eine Scherbe klebte am Bauch, etwas ähnliches stieß in die Schulter. Drückte sich darauf, im Wasser gibt es keine Grenze von Körper und Wunde. Wenn jetzt schon die Schulter blutete, wenigstens das Hemd gerissen ist. Rollte vor, zurück, etwas stach, rollte noch einmal darauf, die Spitze aber war weg. War weg, ganz weg.

Komm Willing, hoch mit dir, du zerschneidest dich. Warf ein Scherbe weit, dass es platschte. Es ist beinah niemand mehr da, alle schon weg. Willst du ein Bier, hab noch zwei retten können. - Danke, verzieh dich. - Willing, du redest! Hab schon geglaubt, du bist zu den Transzendenten übergesoffen. Los, hoch mit dir und prost. - Du versaust mich. Verschwinde. - Für Erstes bin ich zuständig. Zweites ist den Job. Verpiss mich doch, wenn du kannst. Hehe. Richtete sich auf. Na bitte, o siehst du fürchterlich aus. - Mensch komm endlich. Lass den Irren sein und komm. Anderer! - Brehmer ruft dich, geh. Zog sich das Hemd ab. - Ich lass dir das Bier? Warf das Hemd, klatschte ins Dunkle. Der Andere drehte sich ab und verging. - Vergiss es, vergiss alles, sehr schade für dich. - Gut. Nur einen Schluck, dann hab ichs mir überlegt. Habs mir jetzt schon überlegt. Ging ihm nach, fiel rückwärts. Da liegen, aber der Andere kam nicht. Niemand war gegangen. Niemand war gekommen. Alles bewegte sich am Rand. Schlamm saufen, soff Schlamm. Schluckte Steine, zwei drei, ein größerer noch im Mund, schwenkte ihn, rieb ihn blank, rauher Kiesel.

Und tauchte so gut es ging am Grund entlang. Sah kaum etwas, Hände tasteten unaufhaltsam vorwärts, schnell, konnte kaum folgen. Gruben in den Magen des Sees, könnte der eigene sein, durch die Schlammschicht hindurch, gurgelte Getränk in den Därmen, Schleimhäute. Schwarze Schlacke wirbelte, Augen schmerzten. Je tiefer, desto weicher wurde das. Und das Wasser dunkler, schwärzer, zähflüssiger. Was da aus der nahen Industrie hierher gelangte, was sich abgeregnet und abgelagert hatte. Glibbrige Asche, Gallert, hätte auch Unmenge von Froschlaich sein können, wenn es hier noch Frösche gab. Griff tief und riss einen Klumpen heraus, schleppte ihn nach oben. Roch daran. Klaubte ihn auseinander. Aber zerfiel, zerfloss, tropfte aus Händen. Wie Abgelagertes in Klärgruben, nur dass der aufdringliche Gestank fehlte. Gestank, das wär jetzt was. Der fehlte, eine leere Stelle im Gefüge. Was fügte sich. Alles schmolz, so ist das.

Warf es in weitem Bogen, rieb die Hände an Brust und Hals. Schwamm. Augen ins Weite gestreckt. Obwohl es hier oben nichts zu sehen gab. Nichts von Bedeutung. Zurück: da wäre genug gewesen, Strand und alles, wie sie sich dort rauften. Flaschen kreisten übers Gelände, Autos wurden eingeschaltet, Motoren soffen sich brummend heimwärts. Auch nichts von Bedeutung. Sah die Plattform näherkommen. Darauf zwei. Oder nur einer. Schwamm lautlos, nur das Geräuschelnde des um den Körper fließenden Wassers, formloses Plätschern, Gemurmel, Raunen, flüsterndes Zeug. Spielte um die Schultern. Griff mit den Händen hinein, schob es auseinander, fand es sich wieder zusammen.

Die Plattform. Tauchte. Zwei, drei, vier Züge. Nicht zu schnell, nicht zu hastig, nicht an den Atem denken. Gleichmäßig die Züge. Gleichmäßig. Auftauchen. Nicht zu schnell, nicht zu laut.

Die Plattform, wo war die Plattform. Sie hätte näher kommen müssen. Tauchte noch einmal, tauchte zurück. Zwei drei vier Züge, auftauchen. Da vorn, hätte sie treffen müssen.

Auch dieses Gebiet war besetzt. War vereinnahmt, bezeichnet und alles. Es bedeutete Etwas. Überall Zeichen gesetzt, Fanale von Sinn, von Vordergründigem. Von Begründbarem. Eingezäuntes, Okkupiertes, Zusammengeräumtes. Kartographiertes. Alles bis zur Unerträglichkeit vorhanden. Von nicht zu leugnender Deutlichkeit. Schmerzhaft. Alles verwies auf Etwas, bezeichnete, definierte Insignien. Hier der Schlamm, die Ablagerung, die Definition von Natur. Überhaupt: Natur. Dass die zwei Plattförmigen sich umfassten auf bis in den tiefsten Untergrund eingestampften Bodenersatz machte diesen letzten möglichen Fleck unmöglich. Hier war die Reißzwecke eingeschlagen, um das Blatt mit dem Aufdruck "See; Natur" in die exakte Karte einzugliedern. Diese beiden da glaubten noch an das Hintergründige, an das Unwesentliche, an das Unaussprechliche, dass sie sich hier ineinanderfanden und in den nebligen feuchten Dämpfen ganz sicher jämmerlich froren. Zumindest nach Beendigung der Besitzergreifung, der Machtübernahme. Aber das gehörte alles zum System Natur, zum Elementaren, dem Beeindruckenden, Besonderen, das in der Natur zu finden war.

Dies das endgültige Beziehungsbild, mit der Reißzwecke in den Plüschflur gepinnt, wenn doch nur jemand fotografieren könnte. Eines von diesen krachsentimentalsauren Erlebnisfotos, ein Polaroid zum Einkleben ins gut behütete Ach-Damals-Album; wenn man es aufschlug, prügelte einen der angesammelte Gefühls-Bombast: Diese beiden hier oben bereiteten ihre Schlussrechnung vor, die es eines Tages dem Scheidungsrichter zu präsentieren galt; es würde alles zum Vorwurf gewendet, jede angestaunte Minute, jede beschriftete Sekunde, mit Sperma beschriftet zum Beispiel auch diese Nacht. Die Flüssigkeit innen und außen erweichten diese hier vor Erlebnis, sogen die Gegend auf, zum Verschwinden: Die Schwämme lebten längst nicht mehr unter Wasser, sondern zu Paarhaufen darüber. Dann schon lieber Miesmuschel sein. Oder der saure Regen, der unnachgiebig das Holz zerfraß: Die Elemente weichten sich auf, schwanden.

Gönnte niemandem erbärmliches Glück und bedauerte nicht. Das wirklich Bedauerliche jedoch, dass das Ding nicht nachgab, noch so sehr konnte daran gerissen werden. Nicht die geringste Erschütterung. Nicht einmal ein Geräusch, wenn die Faust dagegen schlug. Der Pfeiler musste so mit Feuchtigkeit, Flechten, Algen, Moosen vollgesogen sein, dass jeglicher Resonanzraum gänzlich zugeklebt war, absolut keine Klangmöglichkeit. Keine Bewegung, die nach oben hätte störend wirken können. Die beiden bearbeiteten sich, aber auch deren Rhythmen kamen nicht voran, gruben nur in sich selbst. Hin und wieder ein Positionswechsel, um dem Gewächs eine weitere Blüte, ein neues Blatt, einen neuen Spross angedeihen zu lassen. Wuchsen und wuchsen. Mussten schon ganz durchbohrt sein. Auf diesem Stein gewordenen Sockel paarten sich zwei Monumentale, ein sich selbst gebärendes Denkmal. Dass es sich nicht zerstören ließ, war das Schlimmste. Unmöglich, diesem Machwerk Glauben zu schenken. Dieses Gebilde akzeptieren zu können. Ein solches Produkt die ewige Lüge, die ewige Frustration.

Reptilienlilien, Fleischverschlucker. Umklammerte den Pfahl mit allen Gliedern, mit allen Gliedern. Zerdrückte Schnecken mit den Schenkeln, drückte in den grauen Algenbefall, die Scham des Pfahles, drückte die Scham in die Algen, in die Schneckenspuren, drückte die Glieder aneinander, gleitend auf Algenhaaren. Ein riesiger Mund, ein ungeheurer Magen, sich verschluckende Leiber, gepfählt auf Reptilienzähne, Lilienfleisch, der Abgrund hinter dem Schambewuchs. Der Pfahl versank und hob sich, ging nicht völlig ein, schob sich am Rand entlang, glitt über den Rand und zurück, kräftige Zeitlupe, schneckenmuskulös. Heller Schleim tropfte über den Rand, Schlamm.

Betonblöcke, Betonblöcke, Betonblöcke, macht einen Betonblock daraus. Woraus. Hat wer schon mal versucht, Eisflächen mit Beton zu übergießen. Dass alles abzuschließen ist. Eine Radrennbahn darauf, ein Autopalast, Karussells, mindestens eine Couchgarnitur, oder zwei, mit Sessel, sauber getrennt, und Topfblumen, parzelliert, verkleingärtnert, ein ganzer See aus Couchgarnituren mit Topfblumen. Parzellen aus Plüsch und Wolle und Kleeblättern. Ein Kassenhäuschen aufgestellt, bei Regen und so wird's idyllisch. Diese beiden da oben in die Mischmaschine. Diese beiden mit Beton zugeklebt. Grün angemalt.

Der Pfeiler, der in den Boden rammt, der in den Schlamm bohrt. Der in den offenen Leib hineindonnert, der das schwarze Fleisch aufspießt. Beton fickt sich zu Grund.

Stieß sich ab und machte Schwimmbewegungen. Befand sich in der Brühe.

Hatte alle Zeit der Welt, aber keine einzige davon genutzt. Kann es auch so sagen:

AM ENDE IST ALLES UNSINN.
AM ENDE IST IMMER ALLES UNSINN.





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© sascha preiß 2002